Norbert Knieschewski wurde am 13. November 1921 in Wielbark geboren. Der kleine Ort gehörte damals zu Ostpreußen und liegt heute in Polen, ungefähr 80 Kilometer nördlich von Warschau. Dort begann ein außergewöhnlich langes Leben, das von vielen Veränderungen, schweren Zeiten, aber auch von großer Neugier, Dankbarkeit und Lebensfreude geprägt war.
Schon früh kam Norbert auf eine Klosterschule. Eigentlich war vorgesehen, dass er später Pastor werden sollte. Die Zeit dort empfand er jedoch als streng und hart. Sie hinterließ bei ihm durchaus zwiespältige Erinnerungen. Trotzdem blieb der Glaube während seines ganzen Lebens ein wichtiger Bestandteil seines Alltags.
Dann kam der Zweite Weltkrieg. Norbert war bei der Marine und wurde bei den U-Boot-Jägern eingesetzt. Es war eine schwierige und belastende Zeit. Er erzählte unter anderem von der großen Hitze an Bord. Diese Jahre waren ein Teil seines Lebens, den er nicht vergessen konnte, der ihn aber auch nicht davon abhielt, nach dem Krieg wieder nach vorn zu schauen und sich ein neues Leben aufzubauen.
Sein beruflicher Weg führte ihn zur Sparkasse Gelsenkirchen. Dort arbeitete er viele Jahre und hatte einen erfolgreichen beruflichen Werdegang. Zunächst lebte er auch in Gelsenkirchen, bevor er später nach Hattingen zog.
Im Rosental 103 baute er noch einmal ein eigenes Haus. Dieses Haus wurde für viele Jahre zu seinem Zuhause und zu einem wichtigen Ort für die ganze Familie. Dort verbrachte er auch viel Zeit mit seinen Enkeln André und Arno, auf die er sehr stolz war und die er sehr liebte.
Norbert war außerordentlich kreativ. Er bastelte gern und ließ sich immer wieder besondere Überraschungen einfallen. So konnte es geschehen, dass André und Arno aus dem Urlaub nach Hause kamen und plötzlich ein selbst gebautes Miniaturkarussell im Garten vorfanden. Zu Ostern war daran auch etwas Geld für die Enkel befestigt. Solche Geschenke bestanden nicht nur aus Holz, Papier oder anderen Materialien. In ihnen steckten Zeit, Gedanken, Liebe und der Wunsch, anderen eine Freude zu bereiten.
Ebenso besonders waren seine Gedichte. Zu Geburtstagen und anderen Anlässen schrieb er lange und persönliche Verse. Dabei stellte er den Menschen, für den das Gedicht bestimmt war, in den Mittelpunkt. Er hob dessen gute Eigenschaften hervor, lobte ihn und vermittelte ihm das Gefühl, gesehen und geschätzt zu werden.
Seine Gedichte waren meist liebevoll gestaltet, mit Blumen, kleinen Bildern, Herzen oder Aufklebern. Häufig endeten sie mit dem bekannten Geburtstagslied. Selbst mit über 100 Jahren schrieb er noch Gedichte für seine Familie und seine Urenkel Jonas und Sarah.
Norbert liebte Gesellschaft und gute Gespräche. Er sagte zwar gern, dass er nicht im Mittelpunkt stehen wolle, doch bei gemeinsamen Treffen wurde er häufig ganz von selbst zum Hauptredner. Er konnte lange erzählen, aber seine Erzählungen waren nicht langweilig. Er verfügte über einen großen Erfahrungsschatz, konnte interessante Zusammenhänge herstellen und wusste seine Zuhörer zu unterhalten.
Ein Satz begleitete ihn durch sein ganzes Leben:
„Im Leben zählen die Reserven.“
Damit meinte er nicht nur finanzielle Rücklagen, obwohl diese aufgrund seiner Tätigkeit bei der Sparkasse sicherlich ebenfalls eine Rolle spielten. Für ihn gehörten auch körperliche, gesundheitliche, geistige und vielleicht sogar seelische Reserven dazu.
Er tat viel dafür, diese Reserven zu erhalten. Norbert wanderte gern, lief viel und achtete auf seine Gesundheit. Seinen Führerschein gab er vergleichsweise früh freiwillig ab, weil er bemerkte, dass seine Reaktionsfähigkeit nachließ. Das war eine verantwortungsvolle und selbstkritische Entscheidung. Danach fuhr er viel mit dem Bus und bewahrte sich auf diese Weise seine Mobilität und Selbstständigkeit.
Ebenso wichtig war ihm seine geistige Beweglichkeit. Er besuchte Kurse an der Volkshochschule und lernte Englisch und Französisch. Dabei ging es ihm nicht nur um die Sprachen selbst. Er wollte lernen, seinen Kopf beschäftigen und geistig fit bleiben.
An der Volkshochschule wirkte er auch bei einer Aufführung von „Dinner for One“ mit. Er spielte den Butler, der immer wieder über den Kopf des Tigerfells stolpert. Diese Rolle spielte er mit viel Freude und offenbar auch sehr überzeugend. Die Erinnerung daran zeigt eine humorvolle und lebensfrohe Seite von ihm.
Norbert verschloss sich auch vor moderner Technik nicht. Bereits zu einer Zeit, als man sich noch umständlich mit einem Modem ins Internet einwählen musste, lernte er den Umgang mit dem Computer. Er schrieb E-Mails, ging ins Internet und nutzte Onlinebanking. Für jemanden seiner Generation war das keineswegs selbstverständlich. Es zeigt, wie neugierig und lernbereit er blieb.
Später zog er aus seinem Haus im Rosental in eine Eigentumswohnung in Hattingen. Auch dort lebte er noch mehrere Jahre weitgehend selbstständig und nutzte weiterhin seinen Computer.
Durch seine Französischkurse hatte er begonnen, französische Maigret-Krimis zu lesen. Als seine Augen schlechter wurden und ihm die kleine Schrift in gedruckten Büchern zunehmend Schwierigkeiten bereitete, besorgte André ihm einen Kindle. Darauf konnte die Schrift vergrößert und die Beleuchtung angepasst werden. André konnte ihm die gewünschten Bücher online kaufen, und Norbert konnte sie direkt auf seinem Gerät lesen. Das bereitete ihm viel Freude und ermöglichte es ihm, seiner Begeisterung für die französischen Kriminalgeschichten weiterhin nachzugehen.
Trotz der strengen Erfahrungen in der Klosterschule blieb Norbert ein gläubiger Mensch. Er betete jeden Morgen und jeden Abend. Auf seinem Tisch stand eine kleine Schutzengelfigur. Dieser Engel war für ihn nicht einfach nur Dekoration. Er war ein vertrauter Begleiter und ein Zeichen dafür, dass Norbert sich beschützt und begleitet fühlte.
Sein langes Leben bestand nicht nur aus schönen Zeiten. Er erlebte den Krieg, wirtschaftliche Not, Inflation und viele gesellschaftliche Veränderungen. Er musste Abschied von nahen Angehörigen nehmen. Besonders schwer war es, dass seine beiden Söhne vor ihm starben.
Trotz dieser Verluste verlor er seinen positiven Blick auf das Leben nicht. Er fand immer wieder die Kraft, sich aufzurappeln und weiterzumachen. Statt sich nur auf das zu konzentrieren, was ihm genommen worden war, sah er vor allem das, was noch da war.
Norbert war von Grund auf genügsam und dankbar. Auch über kleine Geschenke konnte er sich aufrichtig freuen. Für ihn war eine Kleinigkeit manchmal das größte Geschenk. Nicht der materielle Wert war entscheidend, sondern die Aufmerksamkeit und die gute Absicht dahinter.
Gerade im hohen Alter hatte er morgens ein besonderes Ritual. Nach dem Aufstehen prüfte er, ob er noch alles bewegen konnte und ob ihm etwas wehtat. Wenn Arme und Beine funktionierten und er keine Schmerzen hatte, stellte er zufrieden fest:
„Es tut mir nichts weh.“
Damit war für ihn der Tag bereits gut begonnen. Er schaute nicht zuerst auf seine Einschränkungen, sondern auf das, was noch möglich war. Diese Haltung war typisch für ihn.
Bis zu seinem 102. Lebensjahr wohnte Norbert noch in seiner eigenen Wohnung. Er erhielt zwar Unterstützung durch eine Pflegehilfe, konnte sein Leben aber weiterhin in einem erstaunlich hohen Maße selbst bestimmen. Erst als die eigene Versorgung nicht mehr ausreichend möglich war, zog er in ein Altenheim.
Auch dort blieb er noch lange mobil. Bis ungefähr einen Monat vor seinem Tod konnte er selbstständig laufen und sich bewegen. Erst in seiner letzten Lebensphase baute er innerhalb kurzer Zeit stark ab.
Norbert Knieschewski starb am 11. Juli 2026 im Alter von 104 Jahren. Hinter ihm lag ein außergewöhnlich langes und reiches Leben.
Er hinterlässt viele Erinnerungen: an seine Gedichte und Bastelarbeiten, an lange und interessante Gespräche, an seine Freude am Lernen, an die französischen Krimis, seinen Computer und seinen Kindle, an seinen Schutzengel, an seine Dankbarkeit und an seine besondere Fähigkeit, in anderen Menschen das Gute zu erkennen.
Und auch sein Lebensmotto wird bleiben:
„Im Leben zählen die Reserven.“
Seine Reserven haben ihn sehr weit getragen. Was er seiner Familie hinterlässt, sind Liebe, Zuversicht, Dankbarkeit und viele gemeinsame Erinnerungen.